Jill Price - Ein Gedächtnis ohne Lücken

00407a

 

Jill Price
(geboren am 30. Dezember 1965 in New York City, USA)

 

 

 

 

Seit Jill Price 10 Jahre alt war, hat sie täglich Tagebuch geführt, aber im Gegensatz zu praktisch allen anderen Menschen macht sie dies nicht, um sich später mal an frühere Erlebnisse erinnern zu können sondern sie macht dies, um mit den Folgen einer äußerst ungewöhnlichen Diagnose klarzukommen : Dem hyperthymestischen Syndrom - dies bedeutet, dass Jill sich an jedes Ereignis an jedem Tag ihres Lebens erinnern kann. Es gibt nur etwa 20 Menschen auf der Erde, denen auch diese Diagnose gestellt wurde.
 
In Jill's Verstand läuft praktisch permanent ein paralleler Film zu dem ab, was sie gerade im Alltag erlebt und sie kann diesen zweiten Film nicht einfach abstellen. Im Alter von 8 Jahren (im Juli 1974) bemerkte sie, dass sie sich an fast alle Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern kann - allerdings eben nicht an absolut alle.
 
Für Jill beginnen die lückenlosen Erinnerungen am 5. Februar 1980 - als sie 14 Jahre alt war. Seit diesem Tag kann sie sich an alles erinnern, was sie an jedem Tag erlebt hat. Sie kann sich dabei nicht nur genau an das erinnern, was sie jeweils getan hat sondern sie kann auch präzise Daten für Ereignisse im Weltgeschehen nennen oder sich an die Sendetermine und den Inhalt ihrer Lieblingsfernsehserien von vor 30 Jahren oder eben einfach nur an das Wetter am jeweiligen Tag erinnern.


 
00408bIm Jahr 2000 kontaktierte Jill Dr. James McGaugh von der Universität von Kalifornien-Irvine, weil sie sich von ihm Hilfe erhoffte. McGaugh begann seine Untersuchungen damit, Jill Fragen zu Ereignissen des Weltgeschehens zu stellen, die er zufällig aus einem Geschichts-Almanch auswählte und er war schockiert über die präzisen Antworten, die Jill ihm gab. Nur eine einzige Frage beantwortet Jill "falsch", allerdings musste Dr. McGaugh mehrere Wochen später feststellen, dass der Alamanch an dieser Stelle fehlerhaft war und dass Jill auch in diesem Fall recht hatte.
 
Dr. McGaugh nutzte auch die über 50.000 Seiten aus Jill's Tagebüchern, um mit ihrer Hilfe Jill's persönliche Erinnerungen der letzten 30 Jahre zu verifizieren. Dabei waren restlos alle Antworten, die Jill bei diesen Tests gab korrekt.
 
MRT-Aufnahmen von Jill's Gehirn zeigten, dass ihr Gehirn in bestimmten Bereichen etwa das dreifache Volumen aufweist, wie das einer durchschnittlichen Frau ihres Alters aber abgesehen davon wurden keine weiteren Veränderungen festgestellt. Die tieferen Ursachen für Jill's Erinnerungsvermögen bleiben deshalb bis heute ein Mysterium. Ein Psychologe vertritt die Ansicht, dass Jill's Erinnerungsvermögen eine Folge einer Zwangsneurose ist und dass ihre präzisen Erinnerungen auf ihr tägliches Tagebuchführen zurückzuführen sind. Jill hat diese Erklärung jedoch angefochten : Sie liest nämlich nie in ihrem Tagebuch sondern benutzt es einfach als ein psychologisches Hilfsmittel, da ihr das Aufschreiben der Erinnerungen hilft besser mit ihnen umgehen zu können.
 

Im Jahr 2008 gab Jill ihr erstes Fernsehinterview - bis dahin wurde ihr Name bei Versuchen stets geheimgehalten und in wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus dem Jahr 2006 wurde ihr Name anonymisiert. Hier ein Auszug des Interviews :
 

 

Da sich viele vielleicht nur eins dieser zwei Videos anschauen, wurde der interessante zweite Teil des interviews zuerst eingebunden. Hier für alle Interessierten noch der erste Teil des Interviews :


 
In 2008 veröffentlichte Jill als Mitautorin das Buch "The Woman Who Can't Forget: The Extraordinary Story of Living with the Most Remarkable Memory Known to Science—A Memoir" welches im Jahr 2009 unter dem Titel "Die Frau, die nichts vergessen kann: Leben mit einem einzigartigen Gedächtnis" auf deutsch veröffentlicht wurde. In dem Buch beschreibt sie, wie es sich anfühlt ein Leben mit einem Gedächtnis ohne Lücken zu führen.
 
Trotz ihres exzellenten Gedächtnisses bezüglich Daten und Ereignissen, funktioniert ihr Erinnerungsvermögen nicht bei Informationen, denen der direkte Bezug zu ihrem Leben fehlt. Deshalb ist das Auswendiglernen eines Gedichts für Jill eine große Herausforderung und sie kann ihr Erinnerungsvermögen auch nicht dazu nutzen, um Wissen für Prüfungen auswendig zu lernen, weshalb Jill auch nicht besonders gut in der Schule war.
 
Jill's Leben ist aufgrund ihres lückenlosen Gedächtnisses relativ kompliziert, da sie sich eben permanent an alles erinnern kann und viel über Fehler ihrer Vergangenheit nachdenkt, die andere Menschen einfach vergessen oder verdrängen würden. Nach ihrem Interview in 2008 war Jill sehr zurückhaltend was weitere Interviews betrifft. 


 
00409c

Im Jahr 2012 gab Jill dann jedoch dem Dokumentarfilmmacher Barnaby Peel für seinen BBC-Film "The Boy Who Can't Forget" (Der Junge der nicht vergessen kann) ein weiteres Interview. Dieser Film berichtet über Aurelien Hayman einen 20-jährigen Studenten aus England, bei dem ebenfalls das hyperthymestischen Syndrom diagnostiert wurde.

 

 


Weiterführende Informationen :  

Dies ist ein kurzer Trailer des erwähnten Dokumentarfilms über Aurelien Hayman :
 

 

Kürzlich wurde der komplette Dokumentarfilm von Barnaby Peel auf Youtube veröffentlicht:

 

Eine englische CBS-Dokumentation zu einigen anderen Betroffenen mit diesem ungewöhnlichen Erinnerungsvermögen: