Die Geheimarmeen der NATO - Operation Gladio

00104eDer schweizer Historiker Dr. Daniele Ganser schrieb seine Doktorarbeit über das brisante Thema der NATO Geheimarmeen. Diese wurden von westlichen Geheimdiensten während es Kalten Krieges als Guerilla-Armeen aufgebaut, um für den Fall einer russischen Blitz-Invasion gerüstet zu sein. Eingesetzt wurden diese Geheimarmeen, dann jedoch scheinbar für inszenierte Terroranschläge in Westeuropa, die man linksradikalen Gruppen andichtete. Durch inszenierten Terror wurde somit die europäische Bevölkerung und Politik auf US-Kurs gebracht. Aufgedeckt wurde das ganze im Jahr 1990 durch Aussagen des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti im italienischen Parlament, was zur Aufarbeitung der Thematik vor einem italienischen Untersuchungsausschuss führte.

 

Geschichtliche Entwicklung

Koordiniert durch zwei Abteilungen für verdeckte Kriegsführung der NATO (ACC und CPC) wurden in Westeuropa nach Ende des zweiten Weltkriegs geheime Armeen aufgebaut. Die amerikanische Geheimdienst CIA und der britische Geheimdienst MI6 haben hierbei die Logistik zum Aufbau beigetragen. Ziel der Geheimarmeen war es den Kommunismus in Europa zu bekämpfen und auf einen eventuellen Blitzangriff Russlands vorbereitet zu sein. In den jeweiligen Euroländern führten militärische Geheimdienste die antikommunistische Armee innerhalb des Staates an, allerdings stets in enger Absprache mit CIA und MI6. Die Parlamente waren in diese Prozess nicht eingeweiht, nur die führenden Mitglieder der Exekutive (Premierminister, Präsidenten, Innenminister, Verteidigungsminister) wussten bescheid.

Leitende Offiziere des geheimen Netzwerks wurden durch die Green Berets Spezialkräfte in Amerika und durch britische SAS-Spezialkräfte in England ausgebildet. Zu den rekrutierten Soldaten der Geheimarmee zählten moderate Konservative und Rechtsextreme - so wurden z.B. Mitglieder der SS in Deutschland in die Armee integriert.

Obwohl die befürchtete russische Invasion nie stattfand, griffen die Geheimarmeen in einigen europäischen Ländern trotzdem zu den Waffen und begannen einen geheimen Kampf gegen die politischen Kräfte der Linken. Sekundäre Quellen deuten darauf hin, dass die Geheimarmeen an einer Reihe von terroristischen Operationen und Verletzungen von Menschenrechten beteiligt waren, die dann linken Extremisten in die Schuhe geschoben wurden. Ziel war es die Linken bei Wahlen zu deskreditieren und die eigene Bevölkerung in Angst und Schrecken zu halten. Hierzu wurden stets öffentliche Orte für die Anschläge ausgewählt. Am besten dokumentiert ist hierbei der Anschlag auf den italienischen Bahnhof von Bologna, bei dem am 2. August 1980 insgesamt 85 Menschen starben und 200 weitere verletzt wurden. In einem Spiegel-Artikel vom Jahr 2005 wird dieser Anschlag und die Verwicklung des italienischen Geheimdienstes SISMI aufgearbeitet. (Der Link zu dem Artikel wurde allerdings wegen des Leistungsrechtsschutzgesetzes bereits entfernt. Sorry)

 

Aufdeckung

In den 70er und 80er Jahren kam es zu zahlreichen Terroranschlägen in Italien. Im Jahr 1984 begann der italienische Richter Felice Casson mit Ermittlungen zu einem Autobomben-Anschlag aus dem Jahr 1972 bei dem mehrere Polizisten in der Stadt Peteano getötet wurden. Casson fand heraus, dass am Tatort keinerlei polizeiliche Untersuchungen stattgefunden hatten und dass der Bericht über den verwendeten Sprengstoff gefälscht wurde, um die links-extremen Roten Brigaden zu belasten. Casson konnte nachweisen, dass bei dem Anschlag der Spezialsprengstoff C4 verwendet wurde, der auch von der NATO verwendet wurde. Durch weitere Ermittlungen deckte Casson auf, dass nicht die Roten Brigaden sondern rechtsextreme Gruppen und der militärische Geheimdienst in den Anschlag von Peteano verwickelt waren und dass italienische Regierung und Geheimdienst zahlreiche Versuche unternommen hatten, diese Tatsache geheim zu halten. Casson identifiezierte Vincenzo Vinciguerra als einen der Verantwortlichen für den Anschlag von Peteano, Vinciguerra wurde verhaftet und gestand im Auftrag eines Netzwerks gehandelt zu haben, das ihm zusicherte gedeckt zu werden. Der Innenminister, die Zollbehörden und der militärische sowie der zivile Geheimdienst hätten die ideologischen Überlegungen hinter dem Anschlag mitgetragen, so Vinciguerra. Casson verstand, dass er es mit staatlich inszeniertem Terrorismus zutun hatte, der durch Steuergelder finanziert wurde.

Um die Aussagen von Vincenzo Vinciguerra zu verifizieren, beantragte Casson im Januar 1990 Zugang zum Archiv des italienischen Geheimdienstes SISMI in Rom. Dort entdeckte Casson Dokumente, welche die Existenz der NATO Geheimarmeen nicht nur in Italien bewiesen. Er nahm daraufhin Kontakt zur parlamentarischen Untersuchungskommission auf, die für die Aufklärung von inländischem Terrorismus zuständig war. Am 2. August 1990 gab der Untersuchungsausschuss dem italienischen Premierminister Giulio Adreotti den Auftrag, das Parlament binnen 60 Tagen über die Existenz der Geheimarmeen in Italien zu informieren. Am 3. August 1990 sagte Andreotti vor der Untersuchungskommission aus und gab die Existenz der Geheimarmeen öffentlich zu. Er sagte zu, einen schriftlichen Bericht über die Geheimstruktur binnen 60 Tagen vorzulegen. Am 18. Oktober wurde dieser Bericht per Eilbote an die Untersuchungskommission übergeben. Der Leiter der Kommission Senator Gualtieri erhielt den Bericht, doch bevor er ihn lesen konnte, forderte Andreotti den Bericht umgehend zurück, da er "überarbeitet" werden müsse. Gualtiere machte eine Kopie und schickte das Original zurück. Nachdem er den überarbeiteten Bericht erhielt, stellt er fest, dass kritische Passagen entfernt wurden und der Bericht statt 12 nur noch 10 Seiten lang war. Die italienische Presse berichtete ausführlich über diese Aktion Andreottis wodurch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die geänderten Passagen gelenkt wurde. Die Enthüllungen über eine Geheimarmee in Italien, die über 139 Waffenlager sowie über große Mengen an Sprengstoff, Handgranaten und Schusswaffen verfügt, schockierten Italien.

Premierminister Andreotti war nicht bereit die Verantwortung für die Aktion alleine zu tragen und gab am Tag der Übergabe des endgültigen Berichts im italienischen Parlament bekannt, dass alle beteiligten Regierungschefs der Euroländer über die Geheimarmeen informiert waren. In einer öffentlichen Ansprache am 9. November 1990 betonte Andreotti, dass die NATO, die Vereinigten Staaten und zahlreiche Länder Europas - darunter Deutschland, Griechenland, Dänemark und Belgien in die Verschwörung um Geheimarmeen verwickelt gewesen sind. Um dies zu beweisen, wurden geheime Dokumente an die Presse lanciert und das italienische Politmagazin Panorama veröffentlichte den kompletten Bericht von Andreotti an den Untersuchungsausschuss.

Als Frankreich versuchte, seine Beteiligung am Gladio-Netzwerk zu leugnen, sagte Andreotti gnadenlos, dass Frankreich am letzten Treffen des ACC-Kommittes am 23. und 24. Oktober 1990 in Brüssel anwesend war, woraufhin Frankreich peinlich berührt seine Beteiligung an Gladio zugab.

Der parlamentarische Untersuchungsausschuss kam im Jahr 2000 zu folgendem Schluss : "Diese Massaker, diese Bomben, diese militärischen Aktionen wurden von Männern innerhalb italienischer staatlicher Einrichtungen organisiert oder gefördert oder unterstützt und, wie kürzlich aufgedeckt wurde, auch von Männern aus dem Umfeld der Geheimdienste der USA".

 


Alle Informationen in diesem Artikel stammen aus der Doktorarbeit von Dr. Daniele Ganser, die als Buch unter dem Titel "NATO Geheimarmeen in Europa - Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung" erschienen ist.

Weiterhin hat Dr. Daniele Ganser im September 2009 eine öffentliche deutsch-sprachige Vorlesung an der Universität Basel gehalten, in der er über die Thematik referiert. Die Vorlesung ist im Quellen-Bereich verfügbar.

 


Dr. Hermann Scheer war deutscher Politiker und Mitglied des Bundesvorstands der SPD. Er erhielt 1999 den alternativen Nobelpreis für sein Engagement für die Solarenergie. In diesem kurzen Interview spricht er über seine Auseinandersetzung mit dem Thema der NATO Geheimarmeen in Europa :

 

Kommentare   

0 #3 Matrixwissen 2018-01-28 18:53
Dr. Ganser ist Geschichtswissenschaftler und verwendet den Begriff auch in diesem Zusammenhang. In den Geschichtswissenschaften sind sekundäre Quellen als Quellen definiert, die Primärquellen zitieren bzw aus ihnen entstanden sind. Sie dienen dazu z.B. Hintergrundinformationen und Zusammenhänge bezüglich der verfügbaren Primärquellen liefern und können aufgrund des besseren Überblicks wertvoller sein als Primärquellen. Das sind keine "ungeprüfte Informationen".

zitiere Ronald:
"Sekundäre Quellen deuten darauf hin, dass die Geheimarmeen an einer Reihe von terroristischen Operationen und Verletzungen von Menschenrechten beteiligt waren, die dann linken Extremisten in die Schuhe geschoben wurden. Ziel war es die Linken bei Wahlen ..."

Übersetzung:
Aus unbekannten Quellen, die hier säkundäre Quellen genannt werden, kommen ungeprüfte Informationen, die im nächsten Satz mit "Ziel war es" zu Tatsachen werden.

Verstehe ich das so richtig? Ich mag an dieser Stelle den Artikel nicht weiter lesen.
Liebe Grüße sendet
Ronald
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0 #2 Ronald 2018-01-28 18:33
"Sekundäre Quellen deuten darauf hin, dass die Geheimarmeen an einer Reihe von terroristischen Operationen und Verletzungen von Menschenrechten beteiligt waren, die dann linken Extremisten in die Schuhe geschoben wurden. Ziel war es die Linken bei Wahlen ..."

Übersetzung:
Aus unbekannten Quellen, die hier säkundäre Quellen genannt werden, kommen ungeprüfte Informationen, die im nächsten Satz mit "Ziel war es" zu Tatsachen werden.

Verstehe ich das so richtig? Ich mag an dieser Stelle den Artikel nicht weiter lesen.
Liebe Grüße sendet
Ronald
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+1 #1 Geisterjäger 2016-08-25 11:46
Nun wir kennen die Brandstifter die hinter diesen Organisationen stehen.NSA UND CIA sowas muss geächtet und verboten werden.Es werden Attentate Iniziert und und dem Gegner in die Schuhe geschoben um im Nachhinein einen Invasionsgrund zu haben.Sender Gleiwitz läßt grüßen.Oder ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit.Der Maidan in Kiew 2014,mit den angarchierten Scharfschützen,um den Umsturz zu forcieren.
Der dann auch in alt bekannter Weise eintrat.
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