Oftmals halten wir Menschen selbst dann an unseren Überzeugungen und Theorien fest, wenn diese durch Fakten und schlüssige Argumente klar widerlegt sind. Der Grund für diese "Sturheit" liegt aber nicht etwa in einer unzureichenden intellektuellen Fähigkeit zur Einsicht, sondern vielmehr in unseren tiefsten psychologischen Bedürfnissen. Das gilt auch und vielleicht sogar ganz besonders für Wissenschaftler.
Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thomas-kuhn-portrait.png)
Dazu gehören neben den unhinterfragten Axiomen einer wissenschaftlichen Disziplin auch deren spezifische Methodik sowie die als zulässig erachteten Fragestellungen und die damit implizit verbundenen Werturteile.
Neben den Axiomen, Modellen, Theorien und der typischen Methodik sind auch die grundlegenden Fragestellungen einer wissenschaftlichen Disziplin Teil ihres Paradigmas. In der Wirtschaftswissenschaft lautet die Kernfrage seit jeher, wie man in möglichst effizienter Weise mit den vorhanden Ressourcen ein Maximum an gesamtwirtschaftlichem Wohlstand generieren kann. Diese Frage geht bis ins 18. Jahrhundert auf den Urvater der Ökonomie, nämlich Adam Smith und sein Buch „Der Wohlstand der Nationen“ zurück. Mit der Forschungsfrage wird zugleich immer auch ein Werturteil gefällt. Hier lautet die implizite Subbotschaft: „Mehr Effizienz und mehr Wohlstand sind gut“.
Statt daran zu forschen, wie man möglichst effizient den Gesamtwohlstand eines Landes mehrt (und entsprechende Ideale dann auch in die Gesellschaft und in die Politik trägt), könnte sich die Wirtschaftswissenschaft theoretisch ja auch fragen, welche Organisationsform und welches Maß der Güterproduktion am besten mit einer nachhaltigen Ressourcennutzung vereinbar wäre. Sie könnte genauso gut auch fragen, nach welchen Kriterien man einen begrenzten materiellen Wohlstand gerecht in der Bevölkerung verteilen sollte. Das tut sie aber nicht, weil das im Rahmen des bestehenden Paradigmas keine angemessenen Forschungsfragen sind. Zur vorherrschenden Zielfrage (effiziente Wohlstandsmehrung) stehen Fragen nach ökologischer Begrenzung und gerechter Verteilung mitunter sogar in Konflikt. Sie lassen sich darum in das bestehende Paradigma nicht integrieren.
Beziehen wir das Ganze auf die Naturwissenschaft, treten die Parallelen deutlich zutage: Ob paranormale Phänomene real sind und wie sie funktionieren, sind im Rahmen des vorherrschenden materialistischen Paradigmas keine zulässigen Forschungsfragen. Sie würden einen unlösbaren Konflikt heraufbeschwören, weil sie im Ergebnis das axiomatische Fundament des Materialismus zerstören könnten, auf dem aber sämtliche Modelle und Theorien der Naturwissenschaften aufbauen. Die Forschung an paranormalen Phänomenen wird deshalb nur dann anerkannt, wenn sie darauf ausgerichtet ist, solche Phänomene als natürlich erklärbare Vorgänge zu entlarven. Die Annahme, dass es eine metaphysische Wirklichkeit gibt, die mit unserer physischen Wirklichkeit interagiert und durch subjektive Erfahrungen bewiesen werden kann, lässt sich in die bestehende Programmatik der Naturwissenschaft unmöglich integrieren.
Ein institutioneller Grund ist der, dass der akademische Betrieb in hohem Maße organisiert abläuft. In der Wissenschaft herrscht keine Beliebigkeit und nicht jeder darf forschen und lehren, wie er will und was er will. Stattdessen bemühen sich Wissenschaftler um einheitliche Standards für Forschung und Lehre. Dieser hohe Grad an Organisation und Koordination, so gewinnbringend er auch in vielerlei Hinsicht sein mag, macht den akademischen Betrieb schwerfällig und neigt dazu, Paradigmen zu erhalten. Professoren geben die herrschende Lehre mittels einheitlicher Lehrpläne und Lehrbücher an ihre Studierenden weiter und diese wachsen in der Regel ganz unbewusst und gewohnheitsmäßig in ein Paradigma hinein, ohne dieses überhaupt zu hinterfragen. Und wer es doch tut, der wird überall auf Widerstände stoßen.
Statt daran zu forschen, wie man möglichst effizient den Gesamtwohlstand eines Landes mehrt (und entsprechende Ideale dann auch in die Gesellschaft und in die Politik trägt), könnte sich die Wirtschaftswissenschaft theoretisch ja auch fragen, welche Organisationsform und welches Maß der Güterproduktion am besten mit einer nachhaltigen Ressourcennutzung vereinbar wäre. Sie könnte genauso gut auch fragen, nach welchen Kriterien man einen begrenzten materiellen Wohlstand gerecht in der Bevölkerung verteilen sollte. Das tut sie aber nicht, weil das im Rahmen des bestehenden Paradigmas keine angemessenen Forschungsfragen sind. Zur vorherrschenden Zielfrage (effiziente Wohlstandsmehrung) stehen Fragen nach ökologischer Begrenzung und gerechter Verteilung mitunter sogar in Konflikt. Sie lassen sich darum in das bestehende Paradigma nicht integrieren.
Beziehen wir das Ganze auf die Naturwissenschaft, treten die Parallelen deutlich zutage: Ob paranormale Phänomene real sind und wie sie funktionieren, sind im Rahmen des vorherrschenden materialistischen Paradigmas keine zulässigen Forschungsfragen. Sie würden einen unlösbaren Konflikt heraufbeschwören, weil sie im Ergebnis das axiomatische Fundament des Materialismus zerstören könnten, auf dem aber sämtliche Modelle und Theorien der Naturwissenschaften aufbauen. Die Forschung an paranormalen Phänomenen wird deshalb nur dann anerkannt, wenn sie darauf ausgerichtet ist, solche Phänomene als natürlich erklärbare Vorgänge zu entlarven. Die Annahme, dass es eine metaphysische Wirklichkeit gibt, die mit unserer physischen Wirklichkeit interagiert und durch subjektive Erfahrungen bewiesen werden kann, lässt sich in die bestehende Programmatik der Naturwissenschaft unmöglich integrieren.
Damit sind wir bei einem zweiten wichtigen Grund für die Starrheit von Paradigmen angelangt. Dieser Aspekt ist mehr psychologischer als institutioneller Natur. Betrachten wir dazu das Szenario von der Anstellung eines Nachwuchswissenschaftlers noch einmal etwas genauer aus der Perspektive derjenigen Wissenschaftler, die schon eine lange akademische Karriere hinter sich haben und nun in ihrem Fachbereich für die Einstellung des wissenschaftlichen Nachwuchses verantwortlich zeichnen. Würden Sie einen Bewerber einstellen, der sich außerhalb Ihres eigenen Paradigmas bewegt und sich anschickt, der wissenschaftlichen Community und der interessierten Öffentlichkeit zu zeigen, warum Ihr Lebenswerk haltlos ist? Oder würden Sie nicht viel lieber einen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzüchten, der Ihre Theorien stützt und Ihr Lebenswerk weiterführt? Es liegt wohl in der Psychologie des Menschen, dass diese zweite Option deutlich wahrscheinlicher ist.
Das ist aber noch nicht alles. Zur Eitelkeit des Egos gesellt sich häufig eine gewisse Anfälligkeit für ideologische Überzeugungen. Solche Überzeugungen werden jedem von uns unbewusst im Zuge der Sozialisation weitergegeben. Wir sind geprägt durch das Elternhaus, das Umfeld, die Lehrer, die Medien und die allgemein vorherrschende Kultur der Gemeinschaft und Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Die Überzeugungen, die wir als Heranwachsende zunächst völlig unbewusst aufsaugen, können politischer oder religiöser Natur, stark oder schwach ausgeprägt, konsistent oder widersprüchlich sein. Ob man sich dieser Überzeugungen jemals bewusst wird, hängt davon ab, ob man eines Tages über diese zu reflektieren beginnt oder nicht. Je homogener das Umfeld ist, in dem man aufwächst und je weniger widersprüchliche Informationen man erhält, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand seine Überzeugungen bewusst hinterfragt.
Was hat das mit starren Paradigmen zu tun? Ganz einfach: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Auch sie wachsen in weltanschauliche Überzeugungen hinein, die sie meist unhinterfragt für richtig halten. Sie werden kein Paradigma vertreten, das ihrem Weltbild widerspricht. Umgekehrt gilt, dass ein Paradigma sich nur dann durchsetzen kann, wenn es mit den weltanschaulichen Überzeugungen der jeweiligen Wissenschaftler zusammenpasst.
Hierzu zunächst wieder ein simples Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften: Wenig überraschend korrespondiert das dort vorherrschende Paradigma hervorragend mit der politischen Ideologie des Liberalismus mitsamt seiner wirtschaftspolitischen Forderung nach einer freien Marktwirtschaft. Denn die Marktwirtschaft ist das System, in dem wir aufgewachsen sind und das wir für richtig halten. Jemand, der aus seiner persönlichen Überzeugung heraus einen utopischen Kommunismus befürwortet, wird sich darum kaum in einem Studium der Wirtschaftswissenschaften wiederfinden können. Oder anders ausgedrückt: Das herrschende Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften wird sich für kommunistische Ideen nicht öffnen können. Dadurch hält es Menschen, die fundamentale Kritik an unserem Wirtschaftssystem üben, automatisch aus dem akademischen Betrieb fern. Und sollte doch einmal ein Querulant bis zur Abschlussprüfung durchgehalten haben, wird er es schwerhaben, einen Doktorvater zu finden, der seine akademische Karriere fördern möchte. Wirtschaftswissenschaftler, die marktliberale Überzeugungen vertreten, werden schließlich keine ideologischen Gegner an ihre Lehrstühle holen.
In den Naturwissenschaften finden wir das gleiche Phänomen: Wer in einem spirituellen oder religiösen Umfeld aufgewachsen ist, die Natur als planvolle Schöpfung und das Leben als mystische Vitalkraft versteht, der wird im Biologiestudium auf ernsthafte Probleme stoßen. Vor dem Hintergrund des vorherrschenden Paradigmas, das maßgeblich vom evolutionstheoretischen und materialistischen Denken geprägt ist, würde man einen mutmaßlichen „Kreationisten“ in Forschung und Lehre nicht tolerieren wollen. Und welche Universität würde schon einen jungen Physiker auf einen Lehrstuhl berufen, der telepathischen Kontakt zu Verstorbenen als reale Tatsache auffasst und subjektive Erfahrung zur Beweisbarkeit dessen (siehe hierzu unsere Artikelseite "Lassen sich geistige Welten beweisen?") als zulässig erachtet? Das ist der ideologische Grund für die Starrheit von Paradigmen: Was nicht zum Weltbild des herrschenden Paradigmas passt, wird entweder ignoriert oder aktiv verdrängt.
Wissenschaftler, die sich diesem ergebnisoffenen Prozess durch vorschnelle Deutungen oder aber durch Ablehnung und Ignoranz entziehen, gleichen Pferden mit Scheuklappen: Sie schauen nur in eine vorgegebene Richtung und können ihr Blickfeld nicht erweitern.
Solche Wissenschaftler sitzen im falschen Glauben fest, dass nur die eigene Sicht der Dinge wahr ist und alle Menschen, die einen anderen Ansatz verfolgen (andere Grundannahmen, andere Methodik, andere Fragestellung), einem großen Irrtum erliegen. Das muss aber natürlich gar nicht unbedingt stimmen.
Bedauerlicherweise ist das im akademischen Betrieb eher die Ausnahme als die Regel, wie der oben bereits erwähnte Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn bei seiner Untersuchung verschiedener Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte feststellen musste. Die „Normalwissenschaft“, wie Kuhn die paradigmatisch gefestigte Wissenschaft nennt, ist vollkommen unkritisch und überhaupt nicht daran interessiert, ihre eigenen Grundlagen zu hinterfragen. Diese geradezu ignorante Fokussierung ist laut Kuhn zugleich der entscheidende Vorteil der Normalwissenschaft: Sie ermöglicht im Rahmen ihrer selbstgesteckten Begrenztheit hochspezialisierten Erkenntnisgewinn in der Tiefe. Das ist wieder mit dem Pferd vergleichbar, das dank seiner Scheuklappen unbeirrt nach vorne trabt, ohne dabei Gefahr laufen zu müssen, durch irgendwelche Ablenkungen seitlich auszubrechen. So kommt es zumindest gut voran. Die Frage ist nur, ob auch die Richtung stimmt.
Das lieferte den Nährboden für einen historischen Paradigmenwechsel, der das Selbstverständnis der Menschheit in ganz dramatischer Weise veränderte: Der Übergang vom geozentrischen zum kopernikanischen Weltbild (im Bild: Nikolaus Kopernikus). Auch hier gingen wissenschaftlicher Paradigmenwechsel und gesellschaftlich-kultureller Wandel Hand in Hand.
Man kann sich nun ausmalen, was eine wissenschaftliche Abkehr vom Materialismus für unsere aufgeklärte Gegenwartsgesellschaft bedeuten würde. Existenzielle Fragen, die bislang nicht beantwortbar schienen, müssten neu verhandelt werden. Der scheinbar nur zufällige Ursprung des Universums, die angebliche Sinnlosigkeit unseres Daseins oder das vermeintliche Ende unseres Ich-Bewusstseins infolge des physischen Todes – all das gehörte im Zuge eines entsprechenden Paradigmenwechsels auf den Prüfstand.