how to make a website for free

Philosophie & Metawissenschaft > 
Woher wissen wir was wahr ist?


Was sich nicht objektiv beobachten oder messen lässt, gilt gemeinhin als wissenschaftlich nicht nachweisbar. Doch heißt das im Umkehrschluss, dass Dinge, die man nicht sehen, anfassen oder messen kann, nicht existieren? Oder könnte es vielleicht Realitätsebenen geben, zu deren Erfassung unsere gewöhnlichen Methoden der Welterforschung einfach nicht ausreichen? Und falls dem so wäre, wie könnten wir Zugang zu solchen metaphysischen Ebenen erlangen? Zu diesen und weiteren Fragen finden Sie im Folgenden einige Antworten aus der Perspektive berühmter Philosophen.


Inhaltsübersicht:

  1. Platon und sein Höhlengleichnis: Gibt es mehr als das, was wir wahrnehmen können?
  2. René Descartes' methodischer Zweifel: Warum man nicht ausschließen kann, in einer Simulation zu leben
  3. Immanuel Kant: Die Grenzen der Erkenntnis. Eine Untersuchung der Art und Weise, wie wir die Welt erfassen
  4. Arthur Schopenhauer: Über die Grenzen der Erkenntnis hinaus. Ein anderer Zugang zur Welt
  5. Fazit: Woher wissen wir, was wahr ist?
  6. Weiterführende Informationen und Buchtipps

1) Platon und sein Höhlengleichnis: Gibt es mehr als das, was wir wahrnehmen können?

Platon lebte von 428 v.Chr. bis 348 v.Chr. im antiken Griechenland und gilt als „Urvater“ der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte. Mithilfe seines berühmten Höhlengleichnisses argumentiert er, warum es naiv wäre zu glauben, es gäbe nur das, was man sehen, anfassen oder messen kann: 

Man stelle sich vor, Menschen seien in einer Höhle gefesselt und sehen auf der gegenüberliegenden Wand Projektionen von Gegenständen, die hinter ihren Rücken vor einem Feuer vorbeigetragen werden. Was diese gefesselten Menschen sehen, ist also nur ein Schatten, eine Projektion der wahren Gegenstände, nicht die echten Objekte selbst. Solange die gefesselten Menschen aber nie etwas Anderes sehen und erfahren als diese Schattenbilder, werden sie dieselben für die ganze Wirklichkeit halten. Diese gefesselten Menschen symbolisieren in Platons Höhlengleichnis die Masse der Menschen, die nur das, was sie sehen und anfassen können, für echt halten und sich keine weiteren Fragen stellen. Auch dogmatische Wissenschaftler, die nur das für wahr halten, was sie materiell nachweisen und messen können, passen in diese Kategorie.

Mobirise

Man stelle sich nun vor, einer der gefesselten Menschen würde sich von seinen Fesseln befreien, weil er das Bedürfnis verspürt, zu erkunden, ob es noch mehr gibt als diese Schatten an der Wand. Dieser Mensch symbolisiert in Platons Höhlengleichnis einen zweifelnden, fragenden, kritischen, suchenden, wissbegierigen, forschenden, philosophierenden Menschen. Dieser Mensch wird von der Entdeckung der Höhle, sprich: einer umfassenderen Wirklichkeit, völlig in Staunen versetzt sein und muss darum einigen Mut aufbringen, sich diesem veränderten Weltbild zu stellen und es zu verarbeiten. Stellt man sich weiterhin vor, dieser mutige Wahrheitssuchende würde nun auch noch die Höhle verlassen, um zu sehen, was sich außerhalb derselben befindet, würde er vom Sonnenlicht geblendet und könnte zunächst gar nichts mehr erkennen, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt haben. Diese Situation symbolisiert die begrenzte Erkenntnis- und Anpassungsfähigkeit des Menschen in Anbetracht einer Wirklichkeit, die unser Vorstellungs- und Wahrnehmungsvermögen um ein Vielfaches übersteigt.

Stelle man sich zuletzt vor, der mutige Wahrheitssuchende würde zu seinen gefesselten Mitmenschen zurückkehren, um ihnen zu berichten, was er herausgefunden hat und um sie aufzufordern, sich ebenfalls von ihren Fesseln zu befreien und sich das anzusehen. Er würde laut Platon mit ungläubigem Lachen der Gefesselten bedacht und damit zum Gespött der Leute. Von einigen würde er für verrückt erklärt, andere bezichtigten ihn der Lüge. Diese Begebenheit symbolisiert die Ignoranz und den Starrsinn breiter Bevölkerungsschichten sowie dogmatisch-materialistischer Wissenschaftler in Bezug auf metaphysische Realitätsebenen bzw. auf die Möglichkeit ihrer Erkundung. Die meisten Menschen und konventionellen Wissenschaftler bleiben lieber „gefesselt“ in ihrer „kleinen“ Wahrnehmung, statt sich von einem neuen, größeren Weltbild verunsichern und überwältigen zu lassen.

Mobirise

Platon selbst interessierte sich natürlich stets für die große Wahrheit und würde sich mit demjenigen Menschen identifizieren, der seine Fesseln abgestreift und die Höhle erkundet hat. Platons eigenes Weltbild überschreitet dabei insofern unser Vorstellungsvermögen, als es weit über das hinausreicht, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Für Platon ist die „normale“ Welt, so wie sie uns erscheint, nur ein mageres Abbild der eigentlichen, der großen, der wahren Welt. Sie ist nur eine „Schattenwelt“, so wie die Projektionen auf der Wand der Höhle.

Um zu verstehen, was seiner Meinung nach die „echte“, „wahre“ Welt ausmacht, verweist Platon auf sein Konzept der „Ideen“. Damit meint Platon keine spontanen Einfälle, sondern abstrakte, geistige Muster. Die wahre Welt, so Platon, bestehe aus abstrakten Ideen, sie sei ein „Reich der Ideen“ (modern gesprochen könnte man vielleicht von einer Art „Informations-Dimension“ sprechen). In diesem Reich, also in dieser höheren Realitätsebene, gibt es laut Platon keine Zeit. Ideen existieren ewig, ohne Anfang und ohne Ende. Und da Ideen rein geistige Bilder sind, gibt es dort auch keine Materie und keine räumliche Ausdehnung. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist demnach nichts weiter als eine Art Projektion oder Schöpfung aus dieser geistigen Welt heraus. Dabei nehmen wir als wahrnehmende - und laut Platon beseelte - Wesen eine besondere Rolle ein. Denn als Seele, also als geistige Entität, stammen wir ursprünglich selbst aus dem Reich der Ideen und stehen mit ihm in Verbindung, auch wenn wir uns im Alltag als verkörpert (inkarniert) in einer sinnlich wahrnehmbaren, materiellen und raumzeitlichen Welt begreifen. Weil es im Ideenreich keine Zeit gibt, müssen Seelen ohne Anfang und ohne Ende sein, also unsterblich. Dass es in der modernen Bewusstseinsforschung für diese zunächst spekulativ klingenden Annahmen durchaus ernstzunehmende Hinweise gibt, erfahren Sie in der Rubrik "Bewusstseinsforschung".

2) René Descartes' methodischer Zweifel: Warum man nicht ausschließen kann, in einer Simulation zu leben

Mobirise

Auch der neuzeitliche Philosoph René Descartes (1596-1650) aus Frankreich, weltberühmt für seinen Ausspruch „Ich denke also bin ich“, liefert überzeugende Argumente dafür, dass die von uns sinnlich wahrgenommene Erfahrungswelt nicht zwingend der ganzen Wirklichkeit entspricht. In seinen Gedankenexperimenten geht er der grundsätzlichen Problematik nach, wie wir überhaupt der Wahrheit auf die Spur kommen können. Dabei ging er nach einer radikalen Denkmethode vor: Er zog alles in Zweifel, was man rein theoretisch als Trugbild aus der Welt wegdenken könnte. Was danach noch übrig bliebe, das müsse die Wahrheit sein.
Sein methodischer Zweifel führte Descartes auf abwegig klingende, aber rein theoretisch eben doch nicht sicher auszuschließende Gedanken. Laut Descartes könnte es z.B. sein, dass die Welt, die man sieht, in Wirklichkeit gar nicht so existiert. Denn alles, was man erlebt, könnte auch ein Traum sein. Oder: Was man für die Alltagswelt hält, könnte eine höhere Macht als Illusion im Gehirn generiert haben. Diesen Gedanken haben fast 400 Jahre später die Wachowski-Geschwister wieder aufgegriffen, als sie mit dem legendären Film „Matrix“ einen Welterfolg landeten. In die Philosophiegeschichte ist der gleiche Grundgedanke unterdessen als Gedankenexperiment vom „Gehirn im Tank“ eingegangen.

VIDEO: "What ist the Matrix?" (kurzer Ausschnitt aus dem Film Matrix)

04:57 Minuten, englisch

In dieser Schlüsselszene aus dem legendären Film "Matrix" offenbart Morpheus dem von ihm aus der Simulation befreiten Neo, wie intelligente Maschinen die Menschheit in einer virtuellen Realität gefangen halten, ohne dass die Menschen es wahrnehmen können.
Anmerkung: Sollten wir tatsächlich in einer virtuellen Realität leben, muss dies natürlich nicht wie in dieser künstlerischen Interpretation eine von bösartigen Maschinen erzeugte Realität sein. Der Physiker und Bewusstseinsforscher Thomas Campbell geht zum Beispiel davon aus, dass ein nicht-materielles, geistiges  Bewusstseinssystem (von dem wir selbst ein fraktaler Baustein sind) Urheber unserer Wahrnehmungen ist. Mehr dazu erfahren Sie diesem Artikel: Thomas Campbell's "My Big Theory of everything"

VIDEO: Das Gedankenexperiment vom Gehirn im Tank (Beitrag von SRF-Kultur)

03:14 Minuten, deutsch

Was im berühmten Film "Matrix" künstlerisch ausgeschmückt wurde, ist in die Philosophiegeschichte als Gedankenexperiment vom "Gehirn im Tank" eingegangen - nämlich die Annahme, dass wir nicht sicher wissen können, ob wir in einer Simulation leben oder nicht. In diesem kurzen Videobeitrag wird das Gedankenexperiment sehr anschaulich und verständlich erklärt.
Anmerkung: Bei Minute 1:00 wird behauptet, unser bewusstes Erleben werde im Gehirn erzeugt. Warum dieser Kausalzusammenhang so wahrscheinlich nicht stimmen kann, erfahren Sie in der Rubrik "Bewusstseinsforschung", speziell im Artikel: "Die Rolle des Gehirns". 


Wenn man nicht so weit gehen möchte, eine höhere Macht zu vermuten, die unsere Wahrnehmung lenkt (wobei diese Macht natürlich gar nicht zwingend - wie in den obigen Videos - böse sein muss...), gibt es für Descartes trotzdem immer noch genügend Gründe, an unserer sinnlichen Wahrnehmung zu zweifeln. Ein Baum zum Beispiel, der für mich als grün erscheint, könnte in Wahrheit eine ganz andere Farbe haben und mir eben nur als grün erscheinen. Andere Subjekte, insbesondere Tiere, könnten den gleichen Baum in einer anderen Farbe wahrnehmen. Das gleiche gilt für Gerüche, den Geschmack und alle weiteren Sinne. 

Kaum kam Descartes zu dem Schluss, dass man sich eigentlich auf nichts richtig verlassen könne, bemerkte er aber, dass er bei allem Zweifel an einer Sache doch nicht zweifeln konnte: Am Zweifeln selbst. Ob manipuliert oder nicht, ob im Traum oder im Wachzustand, ob mit Sinnestäuschung oder ohne – dass Descartes gerade zweifelte, konnte er nicht wegdenken. Man kann kein Denken wegdenken. Das Denken selbst bleibt für Descartes also als einzige Sicherheit übrig, wenn man alles in Zweifel zieht. Und so formulierte Derscartes den wohl berühmtesten Ausspruch der Philosophie: „Cogito ergo sum“ (Ich denke also bin ich).

3) Immanuel Kant: Die Grenzen der Erkenntnis

Auch für den berühmten Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) hatte es sich als ein Lieblingsthema erwiesen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man die Wahrheit über die Welt herausfinden kann. Dabei ging Kant konsequent von der Analyse unseres Verstandes selbst aus. In Anlehnung an Nikolaus Kopernikus, der die Astronomie revolutionierte, als er behauptete, Zentrum des Weltalls sei nicht die Erde, sondern die Sonne, bezeichnet man Kants Ansatz als „kopernikanische Wende“ der Philosophie: Anstelle der Welt mit ihren Dingen und Erscheinungen rückt Kant den Verstand und unseren Wahrnehmungsapparat in den Mittelpunkt der Analyse – und kam infolgedessen zu einer ernüchternden Einschätzung: Weil unser menschlicher Verstand und unsere menschlichen Sinne durch die Art und Weise, wie sie Dinge aufnehmen und erkennen, von vorneherein filtern und interpretieren, seien unserer Welterkenntnis prinzipiell unüberwindbare Grenzen gesetzt.

Mobirise

Machen wir uns diesen Gedanken Kants am besten anhand eines einfachen Beispiels klar: Ein Tonband ist so konstruiert, dass es weder Bilder noch Gerüche, Temperatur, Luftdruck oder sonstige Informationen über die reale Welt erfassen kann. Der technische Bauplan dieses Gerätes erlaubt es einfach nicht, ein vollständiges Abbild der Realität aufzuzeichnen. Und nicht anders verhält es sich mit unserem menschlichen Wahrnehmungsapparat auch: Die speziellen „Konstruktionseigenschaften“ unseres Verstandes und unseres Sinnesapparates schaffen erst die Voraussetzungen und die Grenzen, innerhalb derer wir die Welt erfassen können. Wir können die Welt nicht adäquat abbilden, egal, wie schlau wir uns dabei anstellen. Vielmehr schaffen wir unser Weltbild gemäß dem „Bauplan“ unseres Wahrnehmungsapparates.

Doch wie sieht dieser „Bauplan“ nun aus? Wie arbeitet unser Denk- und Wahrnehmungsapparat? Was Kant hierzu zu sagen hat, klingt ziemlich gewöhnungsbedürftig. Denn als einige der wichtigsten „technischen Bausteine“ unseres „Erkenntnisgerätes Verstand“ identifizierte Kant zum Beispiel den Raum, die Zeit und die Kausalität.

Raum, Zeit und Kausalität existieren demzufolge nicht unbedingt objektiv in der Welt, sondern nur als Erkennungsmechanismen in unserem Denken und Wahrnehmen. Schließlich können wir ja auch gar nicht anders, als uns Dinge im Raum vorzustellen. Dass „Nichts“ ist, können wir mit unserem Verstand gar nicht denken. Wir kommen auch nicht umhin, das Erlebte in Vergangenheit und Gegenwart einzuordnen und das Erwartete als Zukunft zu denken. Zeitlosigkeit ist schlicht nicht vorstellbar, Zeit liegt all unserer Weltwahrnehmung immer zugrunde. Ganz selbstverständlich denken wir außerdem in Begriffen von Ursache und Wirkung. Dass zum Beispiel die Bewegung einer Billardkugel ohne jegliche ursächliche Einwirkung erfolgen könnte, halten wir für ebenso unfassbar, wie die Aufzeichnung farbiger Bilder durch ein Tonband. Raum, Zeit und Kausalität bilden sozusagen die „technischen Voraussetzungen“ (Kant nennt sie „Anschauungen“), mit deren Hilfe wir unser Weltbild erst konstruieren.
Wenn Raum, Zeit und Kausalität aber als eine Art Wahrnehmungsfilter existieren und nicht in der wirklichen Welt an sich, dann ist die gesamte von uns wahrgenommene Welt im Grunde zuvorderst eine von unserem Verstand erzeugte Vorstellung. Wie die Welt wirklich beschaffen ist, das können wir laut Kant mit unseren eingeschränkten Erkenntnismöglichkeiten gar nicht herausfinden. Wir kennen nur die „Welt für uns“ und ihre Erscheinungen sind nur „Dinge für uns“, eben das Physische, das dreidimensionale, raumzeitliche Universum, das wir wissenschaftlich erforschen. Was wirklich hinter diesen Dingen steckt, was das „Ding an sich“ ausmacht, also das Metaphysische - das sei uns prinzipiell verborgen.

4) Arthur Schopenhauer: Über die Grenzen der Erkenntnis hinaus

Arthur Schopenhauer (1788-1860) stimmte mit Kant darin überein, dass die von uns wahrgenommene Welt nichts weiter als eine subjektive Konstruktion unseres Verstandes sein müsse. Sie sei darum nichts weiter als unsere „Vorstellung“. Im Gegensatz zu Kant glaubte Schopenhauer jedoch, dass wir durchaus etwas von der wirklichen Welt wissen können. Zwar nicht durch Denken und wissenschaftliche Erforschung der objektiven Außenwelt, sondern eher durch Gefühl, durch innere Selbstbeobachtung: Schaue ich in mein inneres Gefühlsleben hinein, dann muss ich laut Schopenhauer feststellen, dass ich ein getriebenes Wesen bin: Ich trage einen „Willen“ in mir, der mich mein Leben lang zu aktiven Handlungen gleich welcher Art drängt. Ich bin aktiv, äußere mich, bin kreativ, ich begehre, ich verlange, ich liebe, ich hasse, ich freue mich, ich trauere, ich will geliebt werden und ich strebe nach allerlei Zielen. In meinem Inneren waltet also ganz offensichtlich eine starke, treibende Kraft.

Mobirise

Ich bin demnach immer zweierlei: Ich habe einen fleischlichen Körper, den ich mir allerdings nur mit meinem Verstand vorstelle (siehe Kant). Und was ich in mir spüre, was mich treibt, das ist der Wille. Beide gehören aber zusammen, weil beide zu mir gehören. Man könnte es so ausdrücken: Mein Körper ist eine in Raum und Zeit ausgedehnte „Objektivation“ des Willens. Der Wille „verdingt“ und äußert sich sozusagen im fleischlichen Menschen. Doch er „objektiviert“ sich nicht nur dort. Schopenhauer war überzeugt, dass jener „Wille“ nicht nur in jedem einzelnen Menschen steckt, sondern letztlich die treibende Kraft hinter allen Erscheinungen unserer wahrnehmbaren Vorstellungswelt sei. Er sei universell und liege sämtlichen Wirkungen zu Grunde: Er zeige sich im Wachstum der Pflanzen, den Bewegungen der Planeten und auch der vom Menschen geschaffenen Kunst und Musik. Mit dem Willen wollte Schopenhauer also die ursprüngliche und bewegende Kraft hinter unserer gesamten Erscheinungswelt erklären. Das Geheimnis um die eigentliche Welt, um das von Kant für unergründlich erklärte „Ding an sich“, das Metaphysische, scheint damit gelüftet. Die eigentliche Wahrheit, das Wesen der Welt, das könnte eine allumfassende, geistige Energie sein, die Schopenhauer „Wille“ nennt. Dass Schopenhauer diese geistige Energie als rastlos, ziellos, unersättlich und damit als potentiell Leid erzeugend charakterisiert und ob er mit dieser Analyse recht hat oder nicht, soll nicht weiter Gegenstand dieses Artikels sein. Die moderne Bewusstseinsforschung kommt diesbezüglich zu differenzierten Schlüssen und arbeitet überdies mit empirischen Methoden, die bessere Möglichkeiten der Beurteilung ermöglichen (siehe hierzu die Beiträge in der Rubrik "Bewusstseinsforschung")

5) Fazit: Woher wissen wir, was wahr ist?

Woher können wir wissen, was wahr ist? In den Überlegungen von Platon, Descartes, Kant, Schopenhauer und vielen weiteren Denkern zeigt sich eine überzeugende philosophische Weisheit: Es wäre eine Anmaßung und schlicht naiv zu glauben, dass alles, was wir sehen und anfassen und wissenschaftlich vermessen können, mit der ganzen Wirklichkeit übereinstimmt. Unsere sinnliche Wahrnehmung, die Verarbeitung derselben durch unseren Verstand sowie wissenschaftliches Beobachten und Messen liefern für sich genommen kein zuverlässiges Gesamtbild unserer Realität. Sie liefern ein kleineres, gefiltertes Bild, einen Ausschnitt. Wissenschaft kann uns helfen, zu verstehen, wie dieses gefilterte Bild, dieses "kleine" Bild, dieser Realitätsausschnitt, nämlich unser dreidimensionales, raumzeitliches und materielles Universum (so wie es sich uns darstellt), funktioniert. Diese von uns wahrnehmbare und erforschbare Welt bleibt aber „Schattenwelt“ (Platon), „Ding für uns“ statt „an sich“ (Kant) bzw. „Welt als Vorstellung“ (Schopenhauer). Die ganze Wahrheit ist sehr wahrscheinlich größer.

Das nachstehend verfilmte Gedankenexperiment vom Wissenschaftler aus dem „Flatland“ verdeutlicht das hieraus resultierende Dilemma: Wir ahnen und wissen zwar, dass es höhere Realitätsebenen geben muss, es mag vereinzelt auch beobachtbare Phänomene in unserer Welt geben, die darauf hindeuten (mehr dazu in den Rubriken "Bewusstseinsforschung" und "Wissenschaftliche Rätsel und Anomalien"), dennoch will es uns aufgrund unseres begrenzten Wahrnehmungs- und Denkvermögens nicht gelingen, einen unmittelbaren Zugang zu diesen Realitätsebenen zu bekommen.

VIDEO: Unbekannte Dimensionen - So sehen sie aus (Beitrag vom Youtube-Kanal "100 Sekunden Physik")

3:22 Minuten, deutsch

Im Jahr 1884 hatte sich Edwin Abbott die Geschichte von einer zweidimensionalen Welt ausgedacht - einem "Flachland". Die Bewohner dieses Landes können keine weiteren Dimensionen wahrnehmen. Anhand dieses Gedankenexperimentes lässt sich im Analogieschluss sehr schön zeigen, warum auch wir nicht ausschließen können, dass es weitere Dimensionen bzw. Realitätsebenen gibt, die wir mangels entsprechender Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht richtig erfassen können (wohingegen Wesen, die sich in solchen Dimensionen bewegen, uns sehr wohl umfassend betrachten könnten).

Als Anregung für eine potentielle Erweiterung unseres Zugangs zur Wahrheit sei hier abschließend der Ansatz ins Spiel gebracht, den Schopenhauer wählte, als er behauptete, er könne die Grenzen der Erkenntnis, die Kant gezogen hatte, überwinden. Während sich nämlich bei Kant (und zuvor auch schon bei Descartes) alles um die Verarbeitung von sinnlicher Wahrnehmung der uns umgebenden Außenwelt durch den denkenden Verstand drehte, wandte sich Schopenhauer den inneren Welten zu. Es gibt nicht nur Verstand und Gedanken, es gibt auch Emotionen und Gefühle. Es gibt nicht nur Objekte und Phänomene in der uns umgebenden Außenwelt, sondern auch reichhaltige Prozesse in unserem inneren Selbstsein, in unserer Persönlichkeit, unserem Wesen, unserer Fantasie, unseren Vorlieben und Leidenschaften, unseren Empfindungen, unserem Bewusstsein.
Statt sich also ausschließlich der objektiven, äußeren Welt zuzuwenden, d.h. im klassischen Sinne (Natur-)Wissenschaft zu betreiben, könnte ein zusätzlicher Zugang zur Wirklichkeit darin liegen, die subjektiven Innenwelten zu erforschen. Dieses Unterfangen mag man als sinnlos ansehen, wenn man – so wie das heute die meisten Naturwissenschaftler tun – die inneren Welten (Emotionen und Bewusstsein) als illusorisches Produkt der materiellen Außenwelt (physisches Gehirn) annimmt (wobei es für diese Annahme keinen Beweis gibt, sie stellt ein nicht begründetes Postulat, ein Axiom dar). Denn dann würde ja alles, was man in den Innenwelten vorfindet, Phantasieprodukt eines materiellen Organs sein und keine fundamentale Wirklichkeit besitzen. Wenn aber unser Bewusstsein, unser eigentliches inneres Wesen („Seele“?) tatsächlich eine fundamentale, von Materie unabhängige Existenz haben sollte (wie es Platon z.B. annahm und wofür es inzwischen etliche Indizien gibt – siehe in der Rubrik "Bewusstseinsforschung"), dann wäre es töricht, sich nicht mit der Erforschung unserer Innenwelten zu befassen – wenngleich hierfür naturgemäß nicht immer die gleichen Verfahren und Messstandards angewendet werden könnten, wie Naturwissenschaftler sie bei der Vermessung der physischen Außenwelt anlegen. Dennoch: Wenn es einen Zugang zu metaphysischen Realitätsebenen geben kann, dann kann der wohl am ehesten über die Innenwelten erfolgen. Die moderne Bewusstseinsforschung von Protagonisten wie Dean Radin, Etzel Cardeña, Pim van Lommel, Jim Tucker und weiteren mehr scheint insofern ein vielversprechender Weg zu sein. Ihre Forschungsarbeit wird allerdings in einem kulturellen und wissenschaftlichen Umfeld, das sich noch immer an ein naives, materialistisches Weltbild klammert, weitgehend ignoriert (oder schlimmstenfalls sogar abgelehnt). Wir brauchen darum eine wissenschaftliche und kulturelle Erweiterung unseres Denkhorizontes, wenn wir mehr von der Welt erfahren wollen, als "nur" dasjenige, was sich wissenschaftlich vermessen lässt.

6) Weiterführende Informationen und Buchtipps: